Sie sind hier: Hobby Freie Texte Brian

Wie eine schöne Blondine einen Schnurrbart bekam

Brian - nach der Gesichtsoperation

Während unserer Arbeit an einem Englisch-Sprachkurs auf CD-Rom suchten wir stets nach Menschen, deren Muttersprache Englisch war. Engländer, Australier, Deutsche, die lange in Amerika gelebt hatten - in unserem kosmopolitischen Sprachkurs war alles willkommen.
Eines der Projekte war so gut wie fertig, die Story stand, die Übungen waren geschrieben, die meisten Dialoge bereits aufgenommen und die Zeichnungen, die das Geschehen illustrieren sollten befanden sich bereits auf dem Postweg zu uns. Nun galt es noch, eine letzte Rolle aufzunehmen, die eines Sekretärs, der im Vorzimmer des Chefs die Telefonanrufe entgegennimmt. Ich hatte dazu Kontakt zu einem Mann aufgenommen, der als Maler arbeitete und in den Staaten geboren war. Er hieß Brian und besuchte uns alsbald, um die letzten verbliebenen Sätze aufzunehmen.

Als ich die Tür öffnete, sah ich einen Mann, der zwar nicht allzu groß war, der aber diesen Umstand durch zähe Muskeln, sonnengegerbte Haut, haarige Oberarme und einem schmerzhaft kräftigen Händedruck mehr als wett zu machen wußte. Ich bat ihn hinein, begrüßte ihn und erklärte ihm in groben Zügen die Rolle, die er zu spielen hatte. Er las sich den zu sprechenden Text durch, nickte, ergriff das Mikrofon und begann. Seine kernige, knarrende Stimme mit dem starken amerikanischen Akzent ließ die Luft erbeben, der Aufnahmepegel des Mikrofons zitterte weit im roten Bereich und ich war gezwungen, mäßigend einzugreifen. Einige Minuten und ein paar Probeläufe später waren dann Lautstärke und Akzent weitgehend eingedämmt und die Aufnahme der wenigen Sätze abgeschlossen. Zwar konnte ich mir noch nicht diese markante Stimme im Vorzimmer eines Direktors vorstellen, doch belastete mich dieser Gedanke recht wenig, wurde mein Blick doch von Brians überdimensionaler Uhr abgelenkt. Groß, klobig und olivgrün hatte ich etwas derartiges noch nie gesehen und ich fragte ihn nach deren herkunft. Bereitwillig sagte er mir, daß diese ihm von seinem vorherigen Arbeitsgeber, dem amerikanischen Militär überlasseworden wäre, zusammen mit diversen anderen Utensilien und vor allem einem langen, gezackten Messer, das er am Gürtel trug, wie mir erst jetzt auffiehl. Während unseres Gesprächs dämmerte mir dann endlich langsam, was mich schon die ganze Zeit während unseren Aufnahmen an seiner Stimme irritierte hatte: sie hatte etwas absolutes, etwas angstfreies, ruhiges etwas, das sagte "ich bin höflich und ganz ruhig, und wenn ich Dir mit meinem Messer die Halsschlagader aufschlitzen muß, so werde ich noch immer genauso ruhig rede wie bisher".

Zugegemenermaßer ergriff mich als ehemaliger Kriegsdienstverweigerer ein leichtes Frösteln und ich war relativ erleichtert, als Brian uns wieder verließ, obwohl er eigentlich ein ganz netter Kerl zu sein schien.

Nun, die Arbeit am Sprachkurs nam uns schnell wk´ieder in Beschlag und so konnte ich Brian recht bald wieder aus meinen Gedanken verdrängen, bis ich bei der Durchsicht der Bilder von unserem kroatischen Grafiker auf ein Problem stieß: Die Rolle, die unser amerikanischer Freund gesprochen hatte, war mit einem Gesicht versehen worden, das nicht so ganz zu passen schien - blonde Haare, eine dünne Figur, ein zauberhaftes Lächeln und vor allem zwei wohlgeformte runde Wölbungen genau da, wo Bian seine schusssichere Weste getragen hätte. Brian war als hübsche Blondine gezeichnet!

Eine tödlich-ruhige Stimme mit dem Flair einer eingerosteten Türangel und eine blauäugige Schönheit? Nein wirklich, das konnte nicht gutgehen! Ich meldete dem Grafiker unser kleines Problem und bat ihn, das Bild abzuändern. Nun, der Grafiker war wenig begeistert - wie auch sollte man einen als perfekt gezeichneten Frauenkörper so eben mal auf männlich trimmen?
Nun, vielleicht sollte ich erwähnen, daß wir einen sehr guten Grafiker hatten, denn er schaffte es, mit einem Schnurrbart und einigen markanten Falten im Gesich, aus der hübsche Blondine zuerst einen langhaarige "Bombenleger" zu machen, der zwar im Direktoren-Vorzimmer recht ungewöhnlich war, aber dafür wesentlich besser zu Brians Stimme passte. (Später haben wir dann aber aus anderen Gründen doch noch ein ganz anderes Bild verwendet...)

So fand alles ein glückliches Ende und wir konnten den Sprachkurs pünktlich abliefern. Ob wohl irgend jemand geahnt hat, wieviel Angstschweiß in den 10 Sekunden des Sekretärs gelegen hat?